Die Bundeswehr startet einen neuen Freiwilligendienst “Dein Jahr für Deutschland”. Der Dienst, der aus sieben Monaten soldatischer Grundausbildung und anschließenden fünf Monaten Reservistendienst, ausschließlich im Inland, besteht, wird v.a. als Beitrag zu einem besseren Katastrophenschutz und Krisenmanagement angepriesen, gerade im Kontext der derzeitigen  Corona-Pandemie.(1) Im April ist der erste Durchgang mit 316 Rekrut*innen und hoher Nachfrage als Pilotprojekt gestartet.(2)

Ich bin gerade mittendrin in meinem Freiwilligendienst, dem Freiwilligen Sozialen Jahr, das ich auf einer (Corona-) Intensivstation verbringe. Als ich auf meinem Arbeitsweg an einem Plakat vorbei gelaufen bin, war ich gleich neugierig und habe sofort recherchiert, was es mit dem neuen Dienst auf sich hat. Bei mir hat sich das eher undifferenzierte Gefühl eingestellt, das irgendwie falsch zu finden. Schnell habe ich mich gefragt, ob das nicht vielleicht Neid sein könnte: 1.400 € im Monat, freie Fahrt zur Einsatzstelle und dazu noch die omnipräsente Werbung.(3)

Doch da ist mehr als Neid, auch wenn man den nicht ganz abstreiten kann. Woher kommt dieses diffuse Gefühl?

Was am neuen “Freiwilligendienst” im Heimatschutz wehtut, ist nicht die Tatsache, dass er meiner Auffassung nach wenig mit dem zu tun hat, was man allgemein unter einem Freiwilligendienst versteht, sondern damit, dass er mir wieder einmal aufzeigt, was wir alles nicht haben. Ich bin neidisch, aber nicht, weil das Budget der Bundeswehr für die Bewerbung von “Dein Jahr für Deutschland” vermutlich höher ist, als das aller Träger in Sachsen für den Bereich Freiwilligendienste. Ein tolles Plakat wird die Entscheidung, ob man am Krankenbett, im Theater oder bei der Bundeswehr arbeiten möchte, nicht maßgeblich beeinflussen.

Ich bin neidisch, aber nicht, weil die Freiwilligen bei der Bundeswehr ihre Fahrten zur Einsatzstelle mit der Bahn bezahlt bekommen, während ich auch bei schlechtem Wetter laufe, weil mir die Fahrkarte zu teuer ist. Mit der Aufnahme in das Azubi-Ticket haben wir schon viel erreicht und durch das Bildungsticket könnte sich dies noch deutlich verbessern. Natürlich fände ich es toll, wenn es noch mehr präsente Werbung für Freiwilligendienste gäbe, und auch die Freie Fahrt für Freiwillige ist mir ein wichtiges Anliegen. Mich stört aber etwas anderes:

Von dem normalen sächsischen Mindest-Taschengeld von 300 € (4) kann man, auch wenn man dazu noch 210 € Kindergeld bekommt, nicht leben! Ich bin neidisch auf die 1.400 €, die Freiwilligendienstleistende bei der Bundeswehr erhalten. Nicht, weil ich der Auffassung bin, dass ich für meine Arbeit 1.400 € verdient hätte. Auch nicht, weil das weit über dem Betrag liegt, der nach Jugendfreiwilligendienstegesetz §2 Abs.4 Freiwilligendienstleistenden im FSJ oder FÖJ gezahlt werden könnte. Wir sind arbeitsmarktneutral, und neben dem Engagement für die Gesellschaft ist ein Freiwilligendienst auch ein Bildungsjahr. Um kein Geld der Welt würde ich dieses Jahr eintauschen wollen, schon gar nicht für eine militärische Grundausbildung.

Wie ich bereits dargelegt habe, entspricht der neue Dienst der Bundeswehr nicht meinem Verständnis eines Freiwilligendienstes, dieser Begriff ist für mich eng mit der Zivilgesellschaft und mit dem Ehrenamt verbunden.

Aber wie gesagt, das tut mir nicht wirklich weh. Was wehgetan hat, ist die Tatsache, dass ich beim Recherchieren gedacht habe: Wow, es geht auch anders. Freiwilligendienst muss nicht bedeuten, auf die Eltern oder Sozialhilfe angewiesen zu sein.

Ich kenne viele Freiwillige, die von ihrem Taschengeld und Kindergeld unterhalb des Existenzminimums leben, trotz 40 h Arbeit in der Woche. Was ich mir wünsche, sind keine 1.400 € im Monat, was ich mir wünsche, ist ein Taschengeld, das ein würdiges Leben ermöglicht. Ich denke, es ist unserer Gesellschaft unwürdig, dass man sich einen Freiwilligendienst leisten können muss.

Das Verteidigungsressort kann an diesen Rahmenbedingungen nichts ändern, FSJ, FÖJ und BFD fallen nicht in ihren Aufgabenbereich. Aber vielleicht kann die Wertschätzung, die der Hilfe der Bundeswehr entgegengebracht wird, auch zu dauerhaften Verbesserungen bei uns führen. Denn in der Corona-Teststation, auf Intensivstation und im Pflegeheim hat nicht nur die Bundeswehr geholfen, dort waren und sind auch Freiwilligendienstleistende im Einsatz. Nicht nur während der Pandemie, auch außerhalb bietet unsere Arbeit einen Mehrwert, sei es im sozialen, ökologischen, kulturellen oder politischen Bereich.

Quellen
1. https://www.bundeswehrkarriere.de/deinjahrfuerdeutschland Zugriff 04.05.2021
2. https://www.bundeswehr.de/de/aktuelles/meldungen/dein-jahr-fuer-deutschland-heimatschutz-trifft-nerv-5042464 Zugriff 04.05.2021
3. https://www.bundeswehrkarriere.de/blueprint/servlet/blob/666104/5accee029470e49c37b159f564157d22/bezuegebeispiele-freiwilliger-wehrdienst-heimatschutz-data.pdf Zugriff 04.05.2021
4. mit Ersatzleistungen für Unterkunft und Verpflegung gemäß Verwaltungsvorschrift des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz zur Durchführung von Freiwilligendiensten im Freistaat Sachsen ll.1.5

Text: Luise Bartels

Dein Jahr für Deutschland – Warum ich auf den Freiwilligendienst der Bundeswehr neidisch bin

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